im white space Zürich

leftover 2009

Left over, left out, left in?
Welchen Wert hat übrig gebliebenes Material von Künstler-Aktionen und Performances? Können Relikte nachträglich Werkstatus erreichen? Was passiert nach Ende einer Ausstellung mit den dort gezeigten Installationen?
Die Ausstellungsreihe im White Space beleuchtet Bedeutung, Wert und Funktion von Leftovers, dem „Überschuss“ oder „Ausschuss“ im Kunstbetrieb. Die Künstler artikulieren ihre Position mit neuen oder wiederverwerteten Arbeiten, zudem auch in Video-Interviews.
Von Abend zu Abend kommen jeweils neue Werke und Videos hinzu. Den Abschluss der Reihe bilden Statements von KuratorInnen, die den Begriff Leftover aus ihrer Perspektive diskutieren.

Für die Arbeit „San Keller, Ohne Titel (Keller), Videoinstallation, 2009“ ist der Künstler in seinen Keller gestiegen, um wie ein Reisender zu entdecken, was sich dort über die Jahre alles angesammelt hat. Das Material, die Reste und Überbleibsel, die nach Aktionen und Arbeiten San Kellers in den Keller gewandert sind, werden vom Künstler gefunden, ausgepackt, wieder verpackt oder ans Licht geholt. Im Untergeschoss entsteht ein nonverbaler und verbaler Dialog, eine Reise durch unterschiedliche Ideen, Arbeiten, Zugehörigkeiten und Aktionen der vergangenen Jahre. Die Objekte werden vom Künstler nach ihrer Wichtigkeit und Bedeutung ausgewertet und aussortiert. Im White Space werden die Objekte in ihrer jetzigen Konstellation mit neuer Präsenz aufgeladen und verknüpfen sich von ursprünglich autonomen Leftovers zu einem einzigen Leftover – und zu einem Ausstellungsobjekt.

Die !Mediengruppe Bitnik beschäftigt sich mit Prinzipien unterschiedlicher Systeme, welche analysiert,
umfunktioniert und untergraben werden. Bei der Arbeit „Militärstrasse 105 – Unterwachung“ greift Bitnik mit selbst gebauten Video-Signalempfängern verborgene Videoüberwachungs-Signale der städtischen Polizei im öffentlichen Raum auf und macht diese sichtbar. So verschafft Bitnik dem Besucher einen Zugang zur „Überwachung von oben“ – aus Surveillance wird Sousveillance. Die Signale im urbanen Raum bilden eine unsichtbare Stadt, eine zweite Welt, die neben der sichtbaren Erscheinung existiert. Die Aufnahmen, die zwei Überwachungskameras an der Militärstrasse 105 dauerhaft generieren, gehen im Augenblick ihrer
Entstehung wieder verloren. Sie gewinnen nur Beachtung und Bedeutung, wenn sie Ausnahmezustände aufzeichnen können. Ansonsten sind sie verlorenes Material. Im White Space wird das verlorene Material sichtbar gemacht und erhält eine neue offizielle Präsenz.

Die Stimme von Alex, welche aus dem alten Lautsprecher spricht, übersetzt geschriebene Texte in gesprochene Sprache und ist die «Text-to-speech», Mac OSX Software für Sprachsynthese. Der Sprechcharakter Alex spricht den Text «S.C.U.M. (Society for Cutting Up Men) Manifesto» von Valerie Solanas, einer der radikalsten, männerfeindlichsten Texte im Zeichen des Feminismus im Zuge der 60er Jahre. Die Soundinstallation «MANIFESTO, 2009 / 2007. S.C.U.M. Manifesto, Valerie Solanas,1968» von Thomas Galler lässt den hochemotionalen Text seelenlos im Raum hängen, die Worte erscheinen wie eine Aneinanderreihung von Floskeln und der Seitenhieb an die ambivalenten feministischen Anwandlungen unserer Zeit sitzt. Die Arbeit weißt auf eine Verschiebung in Bezug zum Feminismus im öffentlichen Diskurs hin und das vom Künstler als «Leftover» deklarierte Werk ist im Zusammenhang mit dem Entscheidungsprozess des Künstlers, diese Arbeit nicht zu veröffentlichen, umso interessanter. Der Umstand, dass der Feminismus
nicht mehr salonfähig ist, macht die Arbeit in Relation zu unserer Gesellschaft zum diskutablen «Leftover»

Die künstlerische Praxis von Zeljka Marusic zeichnet sich durch raumgreifende Installationen, Videoprojektionen und plastische Objekte aus. In ihrem Beitrag im White Space bezieht sich die Künstlerin auf die abgespielte Einzelausstellung «Ghettoblaster / Sehnsucht nach schöner & gr. Welt» in Kreuzlingen, in welcher sie in Form einer dreidimensionalen Collage Raumkonstruktion, Videoprojektion, Objekte und Bilder zu einer komplexen und ephemeren Installation verdichtete. Während die ortspezifische und begehbare Raumkonstruktion aus Dachlatten, Verpackungsmaterial und Kunstrasen abgebaut und recycled wurde, blieben Videobänder, Tonträger, Objekte und Bilder übrig. Im White Space rekonstruiert Zeljka Marusic einerseits
die abgebaute Rauminstallation durch ein Modell und Pläne, andererseits formiert sie «Leftovers»,
übriggebliebene Objekte der Installation, zu neuen räumlichen Konstellationen.

Die Arbeit «1,5 Jahre Nadelfilz im Fotohof» von Stefan Burger besteht aus einem grauen Teppich, der vom Künstler im Zuge von Renovationsarbeiten aus dem Eingangsbereich des Fotohof Salzburg geborgen werden konnte. Dieser Nadelfilzteppich weist durch seine 1,5 jährige Nutzung im Fotohof signifikante Merkmale erweiterter Fotografie auf. Belichtungsspuren sowie minimale Abnutzungen der Oberfläche durch RezipientInnen im Fotohof definieren diesen Teppich als grundlegendes Beispiel erweiterter Fotografie. Die Bemühungen des Künstlers, für dieses Werk einen angemessenen Sammlungsstandort zu ermitteln, scheiterten. Verschiedene Fotografie-Institutionen, beispielsweise das Fotomuseum Winterthur, lehnten eine Schenkung der Arbeit «1,5 Jahre Nadelfilz im Fotohof» ab. Im White Space zeigt Stefan Burger die Korrespondenz zwischen Künstler und Institutionen im Zusammenhang mit dem Nadelfilzteppich.Das Leftover aus dem Fotohof Salzburg, das durch den Künstler als exemplarisches Beispiel erweiterter Fotografie vermittelt wird, konnte bis heute nicht im institutionellen Rahmen einer fotografischen Sammlung
verortet werden. Seit der institutionellen Ablehnung im fotografischen Kontext dient die Arbeit «1,5 Jahre Nadelfilz im Fotohof» zwischenzeitlich als vertikales Schalldämpfungselement im Flötenzimmer von Hwa-Za Burger-Cho, der Mutter des Künstlers.

Die Arbeiten von Kerim Seiler gleichen hybriden «Gedankenräumen», die sich sowohl an architekto-nischen,skulpturalen als auch an kulturellen und ideellen Formen anlehnen. Sinnlich erlebbareund performativ angelegte Rauminstallationen entstehen, um die Grenzen zwischen den erwähnten Parametern auszuloten und zu weiten. Wie freie Projektionen zum vorhandenen Raum-Zeit-Gefüge entstehen die groß angelegten Arbeiten. Der Künstler spricht gerne von «parasitären Formen», die sich an dieses mehrdimensionale Gefüge andocken. Sein Beitrag zu «Leftover» zeigt zwei dokumentarische Prints von je einer zerstörten Skulptur in Chur und Schlieren. Die Installationen wurden entweder beim Abbau oder durch eine «höhere Gewalt» zerstört.Hier bezeichnet Leftover Etwas zu Abfall gewordenes. Das Abgefallene, das auf seine Materialität reduzierte Übrigbleibende, ist festgehalten worden.

In der Videokomposition «Wild Orchids, 2009» von Margot Zanni sehen wir Darstellerinnen in einer fortwährenden Filmschlaufe an einer Szene arbeiten. Das nicht verwertete Material einer früheren Inszenierung der Künstlerin dient als Grundlage für das gezeigte Werk. In der neuen Montage verzichtet die Künstlerin auf die Tonspur und schneidet die Überbleibsel der ursprünglichen Inszenierung zu einem neuen Werk zusammen. Der fiktive Fokus der älteren Arbeit verschiebt sich und die neue Erzählform ermöglicht eine radikale Neuansicht des Rohmaterials. Es eröffnet sich dem Betrachter ein neues Feld von visueller und inhaltlicher Orientierung und die Mimik der Schauspielerinnen wird zur tragenden Komponente der neu entstandenen Arbeit. Mit ihrer Arbeit «Wild Orchids» weist Margot Zanni auf die Kontroverse in der Bewertung vom «Leftover» in der künstlerischen Produktion hin, in dem sie aus dem vermeintlichen Übriggebliebenen ein neues starkes Werk formiert.

Nationale und internationale KuartorInnen nehmen Stellung zu verschiedenen Fragen und Aspekten zum Begriff Leftover im Kunstbereich. Ihre Erfahrungen und Gedanken zu Überbleibsel, ungeahntem Potenzial oder nicht Realisiertem in ihrer kuratorischen Tätigkeit, stehen hier im White Space, in gebündelter und mehrheitlich geschriebener Form, in einem Dialog zu künstlerischen Beiträgen und Videointerviews.
Dabei geht es darum, KuratorInnen und KünstlerInnen in einen Diskurs zu stellen, ihre Positionen und Rollen, Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede im Handeln und Denken zu reflektieren und in dieser Ausstellung zu vereinen. Fragen zur Machbarkeit einer Ausstellung in räumlicher wie auch finanzieller Hinsicht paaren sich mit ethischen und moralischen Ansichten, und lassen einen Einblick in eine komplexe Thematik erahnen. Das Video-Interview mit Joshua Simon beschäftigt sich mit der Frage der Zensurierung, welche zur Absage der Ausstellung «Aesthetics of Terror» geführt hat. Zugleich eröffnet dieses «Ausstellungs- Leftover» auf Zeit, einen internationalen kuratorischen Dialog mit neuem Ausstellungs- und Reproduktionspotential.

Kuratorische Statements von: Diana Baldon, Akademie Wien; Barnaby Drabble, Zürich und Edinburgh, UK; Oliver Kielmayer, Kunsthalle Winterthur; Annemarie Hürlimann, Büro «Praxis für Ausstellung und Theorie», Berlin; Dorothee Messmer, Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Karthause Ittingen; Heike Munder, Migromuseum für Gegenwartskunst, Zürich; Joshua Simon, Tel Aviv-Jaffa, Israel; Astrid Wege, Kunsthaus Köln; Rein Wolfs, Fridericianum, Kassel.

Leftover ist eine Ausstellungsreihe der Curating Plattform und value in Kooperation mit dem Institut für Theorie ith. Projektbeteiligte:
value: Christoph Lang, Stephan Meylan. Curating Plattform: Renata Burckhardt, Martha Cerny, Daniela Geering-Fuentes, Tomas German, Angela Köhler, Jörg Kohnen-May, Sonia May, Valentine Meyer, Zoë Meyer, Andrea Roca, Fredi Schelb, Anca Raluca Sinpalean, Monika Winkler-Steinmetz,
Thomas Zacharias. Dank an: Dorothee Richter, Siri Peyer.

Mit Unterstützung von Migros Kulturprozent Zürich Ernst und Olga Gubler-Hablützel Stiftung

White Space Office for Curating / Art / Theory, Militärstrasse 76, CH–8004 Zürich, www.whitespace.ch

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Flyer
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Bitnik
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Künstlerinterviews
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Stefan Burger
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v. Zeljka Marusic h. Thomas Galler
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Videostill Margot Zanni
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v.Künsterinterviews h. Kerim Seiler
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San Keller